Blutige Legehennen: Das Schnabelkürzverbot ist ohne bessere Haltung verantwortungslos – …

30. Mai 2018
Blutige Legehennen: Das Schnabelkürzverbot ist ohne bessere Haltung verantwortungslos – …

Berlin (ots) – Heute haben Spiegel Online und die Tierrechtsorganisation Animal Equality Bilder aus einem der größten Eier produzierenden Betriebe Deutschlands veröffentlicht. Sie dokumentieren erschütternde Zustände in der Legehennenhaltung. Die Eier aus Bodenhaltung des brandenburgischen Betriebs stehen in den Regalen von Aldi, Edeka, Marktkauf, Netto und Netto Marken-Discount. Auf den Aufnahmen sind Tiere mit großflächig kahlen Stellen sowie Wunden, besonders an den Legeorganen, zu sehen – Folgen des gegenseitigen Bepickens. Der vollzogene Ausstieg aus dem Schnabelkürzen kann nur dann funktionieren, wenn sich die Haltungsbedingungen bessern. Daher fordert die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt jetzt klare Maßnahmen vom Lebensmitteleinzelhandel, um das Leid der Hennen schnell zu verringern. In einem Brief an die Ketten fasst die Tierschutz-Stiftung zusammen, welche Schritte der Handel dringend umsetzen muss.

»Wir haben davor gewarnt, dass solche Probleme auftreten, wenn der Ausstieg aus dem Schnabelkürzen nicht richtig umgesetzt wird«, sagt Mahi Klosterhalfen, Geschäftsführer der Albert Schweitzer Stiftung. »Von einem geglückten Schnabelkürzausstieg kann leider keine Rede sein.« Unter den üblichen Bedingungen – egal ob bei der Boden-, Freiland- oder Biohaltung – entwickeln die Legehennen Verhaltensstörungen; die Tiere verletzen sich dann gegenseitig massiv, zupfen sich gegenseitig Federn aus und picken sich blutig, teils mit tödlichen Folgen.

Die Albert Schweitzer Stiftung hat darum ein Papier erstellt, in dem sie die aus ihrer Sicht absolut unverzichtbaren Maßnahmen fordert. Diese soll der Lebensmitteleinzelhandel verpflichtend vorschreiben:

– Strukturierte Umwelt: Die Haltungssysteme müssen den Tieren in allen Lebensphasen abwechslungsreiche Strukturen bieten und etwa das Scharren in Einstreu sowie Sandbaden ermöglichen. Bei Problemen müssen die Tiere mehr Platz bekommen (Verringern der Besatzdichte).

– Beschäftigung: Die Tiere müssen ausreichend Zugang zu Raufutter (in Form von Luzerne, Heu und/oder Stroh) sowie zu Pickblöcken und anderen Beschäftigungsmaterialien haben.

– Kontrolle: Die Tierbetreuer müssen den Zustand der Tiere regelmäßig dokumentieren und bei Bedarf Maßnahmen einleiten.

Diese Maßnahmen hat die Stiftung nach Auswertung der Fachliteratur zusammengestellt.

»Die derzeitige Praxis des Schnabelkürzausstiegs ist nur eine Billig-Lösung auf Kosten der Tiere«, kritisiert Mahi Klosterhalfen. »Das Kürzen wird zwar unterlassen, aber es wurde bislang viel zu wenig unternommen, um Verhaltensstörungen zu vermeiden – aus Kostengründen. Viele Legehennenhalter verringern stattdessen einfach die Beleuchtung in den Ställen, um die Tiere ruhigzustellen. Bei geringer Lichtintensität sind jedoch Wahrnehmung, Aktivität und Verhalten der Hennen erheblich eingeschränkt«, so Klosterhalfen.

Hintergrund:

Federpicken und Kannibalismus bei Legehennen sind nicht aggressiv motiviert, sondern Verhaltensstörungen. Sie entwickeln sich aus fehlgeleitetem Futtersuch- und Futteraufnahmeverhalten. Um diese Störungen zu vermeiden, entfernte man den weiblichen Legehennen-Küken über Jahrzehnte routinemäßig die empfindsamen Schnabelspitzen. Intakte Schnäbel sind jedoch unter anderem für Nahrungsaufnahme und Wohlbefinden wichtig. Das Schnabelkürzen ist zudem ein sehr schmerzhafter Prozess für die Küken, der oft auch dauerhafte Schmerzen verursacht.

Diese brutale Praxis gilt in Deutschland inzwischen als weitestgehend beendet. Nach dem 31. August 2018 dürfen von Hennen mit gestutzten Schnäbeln keine Eier mehr vermarktet werden, die das Logo des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT) tragen. Da diesem Verein nahezu alle Legehennenbetriebe in Deutschland angehören, werden seit 2017 nur noch Tiere ohne amputierte Schnabelspitze eingestallt. Schon zuvor gab es eine freiwillige Vereinbarung zwischen der Eier-Industrie und dem Bundeslandwirtschaftsministerium, das Schnabelkürzen seit August 2016 zu unterlassen.

Die Albert Schweitzer Stiftung war maßgeblich daran beteiligt, dass sich Wirtschaft und Politik überhaupt auf einen Schnabelkürzausstieg geeinigt haben.

Quellenangaben

Textquelle:Albert Schweitzer Stiftung f. u. Mitwelt, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/55647/3957566
Newsroom:Albert Schweitzer Stiftung f. u. Mitwelt
Pressekontakt:Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt
Andreas Grabolle
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