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In digitale Startups oder in Healthcare-Gründungen investieren?

In digitale Startups oder in Healthcare-Gründungen investieren?

Spätestens seit der erfolgreichen Entwicklung des Covid-19-Impfstoff von Biontech träumen viele Gründer und Investoren von dem nächsten großen Ding im Healtcare-Bereich. Dabei wird gerne übersehen, dass der Aufbau eines halbwegs erfolgreichen E-Commerce-Unternehmens im Vergleich zum Healthcare-Bereich eine Kindergartenübung ist: In keiner Branche wird eine größere Ausdauer gebraucht und in keiner Branche dauert die Entwicklung eines marktfähigen Produktes länger. Das führt bei den Gründern oft zu einer Public Relations, die interessierte Investoren und Aktionäre misstrauisch machen müsste.

Ein Beispiel: Das Universal Ibogaine aus Kanada setzt auf die – wie der Name schon sagt – Substanz Ibogaine, um ein Präparat zu entwickeln, dass im Drogenentzug eingesetzt werden soll. Dazu müsste ein oder Anleger wissen, dass diese Substanz in den beispielsweise ganz verboten ist und es erste Experimente damit bereits 1963 (!) gab. In Deutschland dürfen Ärzte mit keinem Medikament behandeln, dass diese Substanz enthält. Aus gutem Grund, schreibt das Wissenschaftsmagazin „Spektrum“:

„Das Halluzinogen Ibogain soll Menschen helfen, von Drogen wie Heroin und Kokain loszukommen. Unter Wissenschaftlern ist die Substanz höchst umstritten – auch weil immer wieder Patienten nach der Einnahme sterben“.

Bereits Anfang der 80er Jahre wird ergebnislos versucht, ein Patent auf das Entzugsmittel zu bekommen – nun aber soll der ganz große Durchbruch kommen, wenn man der Public Relations der Startup glauben darf:

„Bei einem aktuellen Börsenwert von nur 10 Mio € und einem Kursstand von 0,06/7 € ist der Titel eine extrem heiße Spekulation auf Kursvervielfachungen mit Blick auf die nächsten 12 Monate. Mein Kursziel auf Jahressicht lautet 1,60 €. Wie für gewöhnlich gut informierte Kreise berichten, sollte in den kommenden Tagen massiv positiver Newsflow einsetzen“

Ein „positiver Newsflow“ – alleine bei dieser würde sich ein ernstzunehmendes Pharmaunternehmen schnell abwenden, denn in der Healthcare-Branche geht mit markigen Marketingsprüchen so gar nichts. Wie unendlich komplex es ist, in dieser Branche zu starten, in der 10 Millionen Euro Kapital nach wenigen Monaten Forschung aufgebraucht sein können, schildert Paul Grand, der mehr als 12,000 „medical startups“ für Investoren geprüft hat und in 96% aller Fälle von einer Finanzierung abriet:

„Unternehmen des Gesundheitswesens müssen spezifische Nachweise und Daten sammeln, um wichtige Meilensteine zu erreichen, wie z. B. die Kapitalbeschaffung, die behördliche Freigabe oder Zulassung und die Erstattung oder Bezahlung durch die Versicherung. Ein weit verbreiteter Fehler ist es, die Evidenzgenerierung linear zu betrachten und sich nur auf das zu konzentrieren, was für den nächsten Meilenstein benötigt wird. Dies ist ein häufiger und kostspieliger Fehler, der die Zeit bis zum Erfolg erheblich verzögern kann“.

„Evidenzgenerierung“ – das macht Healthcare so teuer, denn es heißt nichts anders, als das jede (Teil)wirkung eines Präparates immer durch eine Studie belegt werden muss. Und Studien kosten sehr viel . Dazu kommt: soll ein Medikament nicht nur in einem Land vertrieben werden (was sich meistens nicht lohnt) müssen unzählige nationale Vorschriften zur Zulassung eines Präparates berücksichtigt werden. Ohne teure Juristen mit großem medizinischen Fachwissen ist dies unmöglich. Die beschleunigten Zulassungsverfahren rund um -Präparate waren eine historische Ausnahme. Auch wenn es Start-ups schaffen nach mehreren Jahren eine Zulassung zu bekommen geht ihnen oft die Finanzierung aus, bevor sie Kunden vom Kauf ihrer Produkte überzeugen konnten. Ohne „Klinken putzen“ bei Krankenkassen, Ärzte, Krankenhäusern oder in unserem Beispiel Suchtzentren bleibt das Medikament unbekannt.

Der Experte für medizinische Startups, Paul Grand ist durchaus dass Healthcare-Startups Werbung für sich machen, auch schon frühzeitig: „Um erfolgreich zu sein, muss ein Unternehmen frühzeitig und häufig mit Investoren, Kunden, Gesundheitsdienstleistern, Patienten und potenziellen Übernehmern sprechen. Der Beitrag der Interessengruppen ist wichtig, um Fehler zu vermeiden, die ein Unternehmen später zerstören können“. Nur meint der Experte nicht die Art der Werbetrommel, die in dem Beispiel „Universal Ibogaine“ und bei vielen anderen jungen medizinischen Neugründungen benutzt wird. Tests, Studien, Zahlen, Experimente – das ist die teure Art der Kommunikation, die in dieser Branche gebraucht wird. Ist dies im nicht zu finden, sollte man misstrauisch sein.

Healthcare und digitale Startups haben zumindest ein Problem gemeinsam

Selbst wenn die Marktreife eines Produktes erreicht ist, gibt es laut Grand noch eine Hürde, die allerdings auch bei zahllosen anderen Neuentwicklungen existiert:

„Neue Technologien sollten sich so nahtlos wie möglich in bestehende Arbeitsabläufe einfügen und diese nicht verzögern oder unterbrechen. Deshalb ist es wichtig, jeden Schritt und jeden Aspekt des Arbeitsablaufs eines Kunden und jede Person, die davon betroffen ist, zu kennen“.

Ein neue Reisebuchungs- mag noch so brilliant sein – wenn ein Konzern Tausende von Mitarbeiter-Stunden investieren muss, um den Kollegen den Umgang mit dem neuen beizubringen, sinken die Erfolgsaussichten bei der Kundenakquise dramatisch. Der Vorteil: Eine neue Reisebuchungs-Software braucht keine klinischen Studien und keine aufwändigen Genehmigungsverfahren.

Oberärztin Gabriele Koller vom Klinikum der Universität München behandelt seit vielen Jahren Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen.: »Bevor wir sagen können, ob Ibogain eine in der Suchttherapie hat, brauchen wir noch mehr Daten und Erfahrungen«. Die Medizinerin befürwortet durchaus neue Substanzen weiter zu erforschen. Notwendig findet sie Ibogain allerdings nicht, denn ein Entzug sei auch so gut durchführbar. Ähnlich sieht das Rüdiger Holzbach, Chefarzt für Suchtmedizin am Klinikum Arnsberg: »Es kann keinen Freifahrtschein für experimentelle Therapien geben, die zum Teil tödlich enden.«

Wer wirklich Geld übrig hat kann in noch unbekannte Health-Startups mit der Aussicht auf große Gewinne sicher beruhigt investieren. Aber fast alle anderen digitalen Geschäftsmodelle sind von außen einfacher zu verstehen als diese Gründungen. Übrigens: Die vom Unternehmen „Universal Ibogaine“ weltweit angekündigte „Kursexplosion“ findet wirklich statt: Von 0,059 Euro vor einer Woche stieg der Kurs auf jetzt 0,072 Euro. (Kurse etablierter Pharmaunternehmen ohne PR finden Sie auf www.digitaldaily.de)

Bild: @ depositphotos.com / kentoh

Wolfgang Zehrt
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