Parias in trauter Runde

4. April 2018
Parias in trauter Runde

Regensburg (ots) – Weißer Palast statt Weißes Haus: Fürs Erste musste sich Wladimir Putin am Dienstag mit einem Empfang in Recep Tayyip Erdogans Präsidentenresidenz in Ankara begnügen. Während in Moskau die Wellen hochschlugen, weil US-Präsident Trump den Kreml-Chef angeblich nach Washington eingeladen haben soll (was zunächst unbestätigt blieb), reiste Putin in die Türkei. Anlass war der Bau eines russischen Atomreaktors, dessen Grundsteinlegung es zu feiern galt. Und natürlich geht es bei dem zweitägigen Treffen in Ankara auch um den Syrien-Konflikt. Manch ein Beobachter reibt sich noch immer verwundert die Augen. Erst gut zwei Jahre ist es her, dass sich Russen und Türken, die auch historisch als Rivalen gelten, in Syrien als Gegner gegenüberstanden, wenn nicht gar als Feinde. Als Erdogans Generäle 2015 einen russischen Jagdbomber abschießen ließen, drohte eine Eskalation. Doch das scheint ein Szenario aus einer längst vergangenen Zeit zu sein. Ein dutzend Mal haben sich die Präsidenten Putin und Erdogan seither getroffen. Nun führt den Kremlchef seine erste Auslandsreise nach seiner Wiederwahl im März wie selbstverständlich nach Ankara. Warum das so ist, hat einerseits mit schnöden ökonomischen Vorteilen zu tun. Beide Seiten profitieren wirtschaftlich enorm vom intensivierten Handel. Energie, Lebensmittel, Tourismus: Das sind die wichtigsten Branchen, in denen Türken und Russen lieber miteinander Geld verdienen als sich gegenseitig zu sanktionieren. Aber der Profit allein kann die neue Freundschaft an der Grenze zwischen Europa und Asien nicht erklären. Es geht um mehr. Es geht um die Rolle beider Länder in der Welt, und das wiederum hat mindestens indirekt etwas mit der Frage zu tun, ob Putin irgendwann einmal wieder eine Einladung ins Weiße Haus bekommt oder nicht. Denn auch wenn der Kreml-Chef kaum eine Gelegenheit auslässt, um die antiwestliche Stimmung in Russland zu schüren (zuletzt im Fall Skripal), so heißt sein Ziel nicht Konfrontation, sondern Anerkennung. Anerkennung durch den Westen, vor allem durch die USA. Putin kämpft seit seinem Amtsantritt zur Jahrtausendwende darum, den Untergang der russisch dominierten Supermacht Sowjetunion vergessen zu machen. Dafür muss er auf Augenhöhe mit den politischen Führern des Westens agieren. Deshalb hat er die Krim annektiert. Deshalb hat er Truppen nach Syrien geschickt. Und deshalb verbrüdert er sich geradezu mit Erdogan. Dessen Lage ist zwar eine andere, aber dennoch vergleichbar. Auch das Nato-Mitglied Türkei ringt um Anerkennung im Westen, vor allem durch die EU. Erdogan beharrt darauf, sein Land wolle Vollmitglied in der Staatengemeinschaft werden, auch wenn er sich durch seine autoritäre Politik im Innern und sein aggressives Vorgehen gegen die Kurden in Syrien faktisch immer weiter von allen denkbaren Beitrittsszenarien entfernt. Der Feind meines Feindes ist ein Freund, lautet ein altes machtpolitisches Prinzip. Frei nach dieser Devise kommt heute auch der iranische Präsident Hassan Ruhani nach Ankara, um mit Putin und Erdogan über die Situation in Syrien zu reden. Drei Parias der Weltpolitik, in trauter Runde vereint. So könnte man spotten, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Denn das Sterben in Syrien, wo Türken, Russen und Iraner ihre je eigene unselige Rolle spielen, geht unvermindert weiter. Nein, der Dreiergipfel der vermeintlichen Siegermächte in Syrien ist keine Demonstration irgendeiner Stärke, sondern ein Beleg dafür, dass Außenseiter gefährlich sein können. Kim Jong-un in Nordkorea lässt grüßen. So gesehen wäre es vielleicht nicht die schlechteste Idee, Putin einmal wieder ins Weiße Haus einzuladen.

Quellenangaben

Textquelle:Mittelbayerische Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/62544/3908035
Newsroom:Mittelbayerische Zeitung
Pressekontakt:Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

Weitere interessante News

WDR WESTPOL: Fahrverbote helfen in vielen Städten kaum gegen Stickoxid-Belastung Köln (ots) - Eine bislang unveröffentlichte Studie der Universität Duisburg Essen, die dem WDR-Politikmagazin "WESTPOL" exklusiv vorliegt, zeigt, dass auch mit Diesel-Fahrverboten die Stickoxid-Belastung in Städten am Rhein weiterhin hoch wäre. Grund dafür ist die Belastung durch die Binnenschifffahrt. Für die Studie wurden verschiedene Szenarien verglichen: Unter anderem wurde untersucht, wie sich die Stickoxid-Belastung verändern würde, wenn es im Jahr 2030 keine Diesel-PKW mehr gäbe. Die Sti...
Kunde und Kundin Halle (ots) - Der Bundesgerichtshof hat jetzt allerdings entschieden: Frauen haben kein Recht auf eine weibliche Ansprache in Formularen. Das von der Sparkasse verwendete generische Maskulinum, das beide Geschlechter anspricht, benachteilige Frauen nicht. Der Verweis auf das generische Maskulinum ist fadenscheinig. Das Maskulinum - also die Ansprache von mehreren Personen zum Beispiel als "Arbeitgeber" - mag umstritten sein, aber es ist ein Mittel, um Texte lesbar und ästhetisch zu halten. Ab...
Piraten in Nadelstreifen: „ZDFzoom“ über Schiffsfinanzierungen zu Lasten des … Mainz (ots) - Alte Geschäfte der staatseigenen Landesbank HSH Nordbank verursachen kurz vor deren Zwangsverkauf immer neue Verluste. Nach Recherchen von "ZDFzoom" hat ein Kreditportfolio in gut 15 Monaten mehr als 700 Millionen Euro an Wert verloren. Zudem sind weitere knapp 320 Millionen Euro aus sogenannten Nautilus-Paketen in diesem Portfolio schon jetzt als unsicher einzustufen. . Die "ZDFzoom"-Dokumentation "Piraten in Nadelstreifen - Wie Reeder, Banker und Politiker den Steuerzahler ausneh...
Kein Grund zum Ausruhen – Kommentar von Alexander Dinger Berlin (ots) - Berlin ist im vergangenen Jahr etwas sicherer geworden. Der Trend stimmt also und gibt Anlass zur Hoffnung. Trotzdem ist das kein Grund, um sich auszuruhen. Denn in vielen Bereichen hat Berlin noch die rote Laterne. Es gibt zum Beispiel keine andere deutsche Stadt in der pro 100.000 Einwohner mehr Verbrechen passieren. Noch drastischer ist das Bild bei den Aufklärungsquoten. Während in Bayern mehr als 60 Prozent der Straftaten aufgeklärt werden, sind es in Berlin nur knapp 45 Proz...
Viele Bundesbürger leiden materielle Not – neue Daten zur Armut in Deutschland Berlin/Saarbrücken (ots) - Fast jeder dritte Bundesbürger im Alter ab 16 Jahren ist nach einem Bericht der "Saarbrücker Zeitung" (Samstag-Ausgabe) von einer materiellen Entbehrung betroffen. Demnach konnten sich im Jahr 2016 gut 31 Prozent dieser Altersgruppe in Deutschland keine unerwarteten Ausgaben in Höhe von 985 Euro leisten. Das waren 21,3 Millionen Menschen, schreibt das Blatt unter Berufung auf aktuelle Daten des Statistischen Bundsamtes. Der Geldbetrag entspricht dem seinerzeit statist...
3,1 Milliarden Euro Grunderwerbsteuer in NRW Düsseldorf (ots) - Die Käufer von Immobilien und Grundstücken in NRW haben im vergangenen Jahr 3,1 Milliarden Euro Grunderwerbsteuer an die Landeskasse gezahlt - fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Das teilte das NRW-Finanzministerium auf Anfrage der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" (Freitagausgabe) mit. Mieterverbände und Immobilienwirtschaft reagieren mit seltener Einigkeit auf das erneute Steuerplus. "Alles, was Immobilien verteuert, treibt früher oder später auch die Mieten in di...
Druck ohne Umweg Düsseldorf (ots) - Als es vor etwas mehr als einem Jahr darum ging, die vielen in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger dazu zu bringen, ihre Heimat in einen präsidial geprägten Staat zu verwandeln, setzte Recep Tayyip Erdogan ganz auf Krawall. Sein Justizminister beklagte "Faschismus" in der Bundesrepublik, der Außenminister glaubte in Deutschland gar einen "geheimdienstlich-mafiös geprägten" Staat zu erkennen. Wortgeklingel dieser Art ist das eine. Amtsleiter einer deutschen Großstadt m...
Nicht auf andere verlassen – Leitartikel zu Südbahn Ravensburg (ots) - Endlich. Die Bauarbeiten zur Elektrifizierung der Südbahn und der Allgäubahn haben begonnen. Insbesondere im Fall der Südbahn hat man das schon fast nicht mehr glauben wollen. Es ist die erste wesentliche Neuerung auf der Trasse seit dem zweigleisigen Ausbau, und der liegt mehr als 100 Jahre zurück. Bei allen berechtigten Bedenken einiger Anwohner etwa in Sachen Lärmschutz: Für das Allgäu und für Oberschwaben ist der Baubeginn nach einer langen Zeit der Vernachlässigung ein wi...
Gesetzentwurf zu Krankenkassenbeiträgen Die Wahl hat nur der Versicherte Martin Fröhlich Bielefeld (ots) - Der CDU-Gesundheitsminister kündigt an, eine Forderung aus dem Koalitionsvertrag umzusetzen. Eine Forderung, die Millionen Krankenversicherten eine Entlastung bringt und vom Koalitionspartner SPD stammt. Prompt kassiert Spahn reichlich Kritik. Verkehrte Welt? Nur auf den ersten Blick, denn die Kritik richtet sich nicht gegen die Rückkehr zur Parität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Auch nicht gegen die Senkung des Mindestbeitrags. Es ist der Rest im Gesetzentwurf, der für...
Kommentar zum Urteil zur Bewegungsfreiheit von Migranten: Angriff auf den … Berlin (ots) - Überbelegung, fehlende Grundversorgung, Gewalt - die Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Ägäisinseln ist katastrophal. Auf Interesse stößt das Elend der eingepferchten Schutzsuchenden und der Inselbewohner kaum noch. Athen, Brüssel und Berlin nehmen das in Kauf, um den Deal zwischen der EU und der Türkei nicht zu gefährden. Flüchtlinge gegen Geld, so einfach wie brutal. Der griechische Gerichtshof hat sich nun jedoch in einem bemerkenswerten Urteil für die Bewe...

Über Presseportal.de

presseportal.de - Die große Online-Datenbank für Presseinformationen in Text, Bild, Audio und Video. Pressemitteilungen und Pressematerial zu sehr vielen verschiedenen Themen. Ein Service von news aktuell aus der dpa-Firmengruppe.

© Copyright 2017. IT Journal.