29. Deutscher Schmerz- und Palliativtag: „Schaut mehr auf den Menschen“

8. März 2018
29. Deutscher Schmerz- und Palliativtag: „Schaut mehr auf den Menschen“

Berlin / Frankfurt (ots) – Mehr individualisierte nicht nur evidenzbasierte Therapie für Schmerzpatienten, wünscht sich Prof. Dr. Rita Süssmuth. So das Fazit der Bundestagspräsidentin a.D. und ehemaligen Bundesgesundheitsministerin in ihrer Eröffnungsrede zum 29. Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt. Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe, Tagungs-Präsident, schloss sich dem an und betonte: „Damit das Wissen aus der Forschung auch in der Versorgung der Schmerzpatienten ankommt, werden in den folgenden Tagen alle relevanten Facetten zusammengetragen und diskutiert. Damit leistet dieser Kongress einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung der Patienten.

Das Thema Schmerz- und Palliativversorgung treibe sie seit Jahren um, nicht zuletzt durch ihre Beschäftigung mit AIDS. Dort habe sie viele Erfahrungen gemacht, die sie nun weitergeben will – in der Hoffnung, dass man es heute besser machen könne. Die Fortschritte in der Medizin haben dafür gesorgt, den Menschen immer kleinteiliger zu durchleuchten. Auf der Strecke geblieben ist ihrer Ansicht dabei der Mensch in seiner Gesamtheit. Den Patienten täte es gut, wenn die Behandlung weg von der rein evidenzbasierten Medizin wieder stärker hin zur individualisierten Medizin ginge – und auch die Skepsis anderen Medizinkulturen gegenüber abgelegt würde. Ob Homöopathie, Akupunktur oder TCM – es sei doch eigentlich egal, warum etwas einem Patienten hilft und wie. Hauptsache es geht ihm besser. Ruhig mal die vorgegebenen Pfade verlassen und neue Wege einschlagen, auch wenn es eventuell mal ein Irrweg sei: „Daraus lernen Sie, und das ist gut!“.

Handeln, auch ohne zu wissen

Ein Beispiel dieser „neuen Wege“ führte zurück in die Anfänge der Hospizbewegung Mitte der 80er Jahre. „Einen Ort für Menschen zu schaffen, die nicht zuhause sterben können, das war damals ja völlig neu. Und dann hat man dort diesen Menschen die Hand gehalten. Das war garantiert nicht evidenzbasiert oder standardisiert, aber es hat geholfen!“ Manchmal müsse man eben einfach handeln. Aus solchen Erfahrungen könnte die moderne Medizin ihrer Meinung nach noch viel lernen. Für unerlässlich hält sie eine flächendeckende Bedarfsplanung in der Schmerztherapie. Wenn die Lösung in der Einführung des Facharztes für Schmerzmedizin liegt, sollte dieser entsprechend eingefordert werden.

Stoppschild „Kosten“

Ein weiterer Wunsch sei, die Kosten- und Nutzen-Relation nicht nur aus ökonomischer Sicht zu betrachten. „Es kann nicht sein, dass in sogenannte austherapierte Menschen kein Geld mehr investiert wird“. Der Nutzen, wie etwa bessere Lebensqualität, sei bei kranken Menschen nun einmal nicht ökonomisch zu messen. Das „Kosten-Stoppschild“ gehöre abgebaut – vor allem in der Politik. Wichtig in dem Zusammenhang auch: „Therapie heißt nicht nur Medikamente, wir haben vielleicht zu hohe Erwartungen in die Forschung und die Medizin“, so Süssmuth. Doch Schmerzen und Leid lindern könnten ganz viele Maßnahmen: Bewegungstherapie etwa, oder Kunst- und Musiktherapie. „Hier wünsche ich mir mehr Offenheit und Austausch: Man kann nur aus- und miteinander lernen.“

Rita Süssmuth war von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestags und von 1985 bis 1988 Bundesministerin für Familie, Frauen, Jugend und Gesundheit. Zuvor war sie Professorin für Erziehungswissenschaften an den Universitäten Bochum und Dortmund und Direktorin des Forschungsinstituts „Frau und Gesellschaft“ in Hannover. Als Expertin für Migration wurde Rita Süssmuth unter anderem 2.000 vom damaligen Bundesinnenminister Otto Schily zur Vorsitzenden der unabhängigen Kommission „Zuwanderung“ berufen. Sie ist heute Präsidentin des Konsortiums, das den deutschen Beitrag zum Aufbau der Türkisch-Deutschen Universität (TDU) in Istanbul koordiniert.

Weitere Informationen unter www.schmerz-und-palliativtag.de

Quellenangaben

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